Kilian Kienast - Mein soziales Jahr in Indien

#8 - Vertraute Fremde

6 min Spenden

Eine der alten Frauen schaut mich an, die Hand zur Geste geformt, die ich mittlerweile kenne: offene Handfläche, Finger zum Mund. Gegessen? Ich antworte und mein Kopf wackelt dabei von links nach rechts. Sie nickt zufrieden und geht weiter. Erst dann merke ich, was ich gerade getan habe.

Ich habe aufgehört, Indien zu beobachten. Ich bin mittendrin.

Hähnchen-Curry
Hähnchen-Curry

Noch ein zweiter Moment dieser Art, wenige Wochen später: Ich sitze in einem Restaurant, das Essen kommt, ich greife zu, mit den Händen, ganz selbstverständlich. Erst beim dritten Bissen fällt es mir auf: Das indische Ehepaar am Nebentisch isst mit Besteck. Irgendwo in den letzten zehn Monaten haben wir die Rollen getauscht.

Zehn Monate sind eine lange Zeit. Lang genug, um aufzuhören, Dinge komisch zu finden, die am Anfang fremd wirkten. Lang genug vielleicht, um nicht mehr nur zu sehen, dass die Dinge hier anders sind - sondern auch, warum.

Es war irgendwo zwischen Jodhpur und Jaipur, im Zug, kurz nach fünf Uhr morgens. Jemand auf der Pritsche schräg gegenüber hatte vor einer Stunde damit begonnen, in maximaler Lautstärke Reels auf seinem Handy anzuschauen. Tanzvideos. Bollywood-Schnipsel. Werbung. Eine Stunde später: Immer noch. Und das Erstaunlichste: Kein gereizter Blick, kein demonstratives Seufzen, kein gemurmeltes „Entschuldigung, aber…”. Der Zug rollt. Der Mann schaut seine Videos. Das Leben geht weiter.

Einige Wochen später sitzen wir in einem Hostel in Delhi und verfolgen mitten in der Nacht begeistert das Finale der deutschen Handballnationalmannschaft gegen Dänemark. Keiner der indischen Gäste schien sich daran zu stören. Dann öffnet sich pünktlich um zwölf eine Tür. Ein Engländer kommt heraus, beschwert sich über den Lärm und fordert uns auf, leiser zu sein. Ein Inder hätte das nie gemacht.

Von wegen Ruhestörung - Fette Lautsprecher werden auch gerne um zwei Uhr nachts durch das Dorf gezogen
Von wegen Ruhestörung - Fette Lautsprecher werden auch gerne um zwei Uhr nachts durch das Dorf gezogen

Was der Engländer wollte, war vollkommen berechtigt. Und trotzdem fragte ich mich: Warum hatten die anderen sich nie beschwert?

In Deutschland schränke ich mich ein, damit andere sich nicht gestört fühlen. Man kommt pünktlich, weil es unhöflich ist, dass jemand wegen einem warten muss. Man ist leise, damit niemand bitten muss, leiser zu sein. Ein fremder Mensch im Zug verdient die gleiche Rücksicht wie ein guter Freund, weil beides Menschen sind, weil eine Regel für alle gelten soll.

Hier funktioniert es anders. Hier schränkt sich niemand präventiv ein. Es wird stattdessen davon ausgegangen, dass der andere stark genug ist, mit Lärm und Unpünktlichkeit und Chaos klarzukommen. Ich lebe mein Leben und du deins. Das klingt auf den ersten Blick rücksichtslos. Aber vielleicht ist es das nicht. Vielleicht ist es eine andere Form von Respekt: eine, die dem Gegenüber zutraut, mit dem Leben umzugehen, wie es ist, ohne von jeder kleinen Störung beleidigt zu sein.

Was ich inzwischen als Erleichterung empfinde: Ich muss nicht ständig überlegen, ob das, was ich gerade tue, dem anderen passt. Darf ich jetzt lachen? Ist das zu laut? Stört das? Dieser permanente innere Abgleich, den ich aus Deutschland kenne - er fehlt hier weitgehend. Und ich merke erst jetzt, wie viel Energie er kostet. Stattdessen: Menschen dürfen unperfekt sein. Situationen dürfen chaotisch sein. Es gibt weniger stillen Groll, weil weniger moralische Erwartungen aneinander gerichtet werden.

Wobei: Innerhalb der eigenen Gruppe, Familie, Freundeskreis, Nachbarschaft, ist die Fürsorge hier so intensiv, wie ich sie sonst nirgendwo erlebt habe. Der Chai, den man mir ständig anbietet, die Art, wie man sich bei Problemen gegenseitig aufhilft, die Bereitschaft, um drei Uhr nachts ohne Grollen ans Telefon zu gehen und ein Tor aufzusperren. Aber diese Fürsorge richtet sich in erster Linie an die, mit denen man verbunden ist. Der Fremde im Zug gehört nicht dazu und damit gelten für ihn auch andere Maßstäbe.

Keine der beiden Logiken ist verkehrt. Sie sind unterschiedliche Antworten auf dieselbe Frage: Wie lebt man zusammen?

Verhaltensregeln der Kinder
Verhaltensregeln der Kinder

An einer Wand im Haus der Jungen hängt ein handgeschriebener Zettel: „I will obey elders” (Ich werde den Älteren gehorchen). In Deutschland würde das sofort Fragen auslösen, nach kritischem Denken, nach Mündigkeit, nach dem Recht auf eigene Meinung. Hier beschreibt es schlicht, wie Ordnung entsteht: Wer älter ist, hat Erfahrung. Wer Erfahrung hat, trägt Verantwortung. Die Gemeinschaft schützt sich durch klare Rollen.

Die Werbung hier folgt einer ähnlichen Logik. Auf jedem dritten Plakat lächelt kein Produkt, sondern ein Gesicht: groß, lächelnd, mit Namen darunter. Ich habe lange überlegt, was mich daran irritiert hat, bis ich verstand: In Deutschland verkauft das Produkt sich selbst. Hier verkauft der Mensch dahinter es mit. Weil persönliches Vertrauen hier wiegt, was bei uns Zertifikate und Garantiescheine wiegen. Unterschiedliche Wege zum gleichen Ziel.

Werbekalender einer Unternehmensgruppe mit Chef-Porträts
Werbekalender einer Unternehmensgruppe mit Chef-Porträts

Aber ich möchte ehrlich sein: Es gibt Dinge hier, die ich vermissen werde. Mehr, als ich dachte. Jeden Morgen esse ich eine Mango. Seit Wochen, ohne Ausnahme, manchmal sogar zwei. Frisch, saftig, mit einem Geschmack, den es in Deutschland schlicht nicht gibt und die so gut schmecken, dass ich kurz bezweifle, ob ich vorher je eine echte Mango gegessen habe. An jeder Ecke steht ein Stand, es gibt frischen Mangosaft und Chai. Immer. Um sechs Uhr morgens, um elf Uhr abends, eigentlich immer. Eine kleine Tasse, süß, mit Milch, für zehn Cent. Den kann sich wirklich jeder leisten - mehrmals täglich.

Und neben den Chai-Ständen: kleine Kioske, an denen eine Cola genauso viel kostet wie im Supermarkt und man gleichzeitig Kaugummi, Batterien und einen einzelnen Briefumschlag kaufen kann. Ja, einzeln. Das werde ich in Deutschland vermissen. Die Idee, dass man genau das kauft, was man braucht, nicht mehr, nicht weniger.

Dann das Überqueren von Straßen. Ich kann nicht behaupten, dass es keine Angst mehr macht. Aber ich habe gelernt, wie es geht: Ich strecke die Hand aus und gehe. Der Verkehr fließt um mich herum. Irgendwo in mir sagt eine kleine Stimme: Das ist verrückt. Aber sie wird leiser.

Kurz vor dem Sonnenaufgang in Udaipur, auf einem Bergpfad in der Dunkelheit, stand ein kleiner Stand. Ein Gaskocher, ein Topf, Instantnudeln. Um fünf Uhr morgens, im Nirgendwo. Ich frage mich manchmal, wie viele Seiten Verwaltungsaufwand in Deutschland nötig wären, damit ein Mann in aller Frühe auf einem Berggipfel eine Tüte Nudeln kochen und verkaufen darf. Hier kocht er sie einfach.

Nudeln zum Sonnenaufgang am Gipfel
Nudeln zum Sonnenaufgang am Gipfel

Was ich ebenfalls vermissen werde: Leute einfach fragen können. In Deutschland haben wir gelernt, Antworten zu finden, ohne zu stören - in Apps, auf Schildern, in Fahrplänen. Hier fragt man. Und die Leute antworten. Nicht immer richtig, aber immer. Der Mensch als erstes Auskunftsmittel. Das führt manchmal zu Umwegen. Aber es führt immer zu einem Gespräch, das man so nicht geplant hatte.

Einmal suchte ich eine Wärmflasche. Ich fragte an einem Imbiss eigentlich nur, ob jemand wüsste, wo ich eine bekommen könnte. Der Verkäufer überlegte kurz, übergab seinen Kindern die Leitung des Standes, deutete auf seinen Motorroller und meinte: Steig auf. Wir fuhren zu einem kleinen Laden, er erklärte den Verkäufern, was ich brauchte. Fünf Minuten danach hatte ich meine Wärmflasche.

Die Gastfreundschaft kennt keine Grenzen. Ich wurde in den vergangenen Monaten öfter spontan zum Essen eingeladen als in meinem Leben davor. Im Zug hat mir einmal ein Fremder sein Essen angeboten. Als wäre es das Selbstverständlichste, sein Essen zu teilen. Bei Festen war ich plötzlich mittendrin, durfte die Räucherpfanne schwingen, stand am Altar. Ein fremder Mann hält einem vor dem Tempel eine Pfanne mit Räucherstäbchen hin und deutet: Schwenk sie. Man schwenkt. Niemand findet es seltsam, dass man keine Ahnung hat, was das bedeutet. Man gehört dazu, solange man nicht nein sagt.

Einladung zu einer Hochzeit
Einladung zu einer Hochzeit

Zehn Monate. Es ist eine lange Zeit. Nicht lang genug, um alles zu verstehen. Aber lang genug, um zu merken: Deutschland und Indien haben unterschiedliche Antworten auf dieselben Fragen gefunden - wie man füreinander sorgt, wem gegenüber Regeln gelten, was Respekt zeigt. Keine dieser Antworten ist falsch. Sie sind nur aus verschiedener Geschichte gewachsen, aus verschiedenen Glaubensvorstellungen, verschiedenen Klimabedingungen, verschiedener Notwendigkeit.

Mit der Zeit wird das Fremde vertrauter und das Vertraute, merke ich, vielleicht auch ein bisschen fremder.

Momos-Stand
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Frische Hühner(-Eier) vom Hühnermann
Frische Hühner(-Eier) vom Hühnermann

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