#10 - Ein Jahr, zwei Welten
Punkt sieben Uhr dreißig. Die Schiebetür am Münchner Flughafen gleitet auf, und plötzlich bin ich wieder in Deutschland. Ich atme ein. Die Luft ist kühl, vielleicht fünfundzwanzig Grad, sauber, fast steril, ohne den Geruch von Abgasen, Räucherstäbchen und Staub, den ich ein Jahr lang geatmet habe, ohne ihn noch wahrzunehmen. Im Auto lege ich den Sicherheitsgurt an, was sich merkwürdig fremd anfühlt, so ungewohnt ist es geworden. Der Wagen gleitet fast lautlos über die Straße, kein Hupen, kein Schlagloch, kein Ausweichmanöver vor Kühen auf der Straße, kein Müll am Straßenrand. Draußen ziehen Felder vorbei, exakt viereckig, zentimetergenau bestellt. Die Häuser stehen im rechten Winkel zueinander, die Straßen ohne Risse. Es ist, als hätte jemand das ganze Land mit einem Lineal gezogen. Meine Oma reicht mir eine Breze nach hinten. Ich beiße hinein, sie ist mir zu salzig, ein paar Körner rieseln auf meinen Schoß. Instinktiv halte ich die Hand darunter, öffne eine Tüte und wische das Salz vorsichtig hinein, statt es auf den makellosen Sitz fallen zu lassen. Erst als ich es tue, denke ich, wie absurd der Reflex ist. Vor zwei Tagen saß ich noch auf dem Boden und aß mit den Händen, während neben mir eine Ratte über die Fliesen huschte. Jetzt fürchte ich um das Polster eines Autos.

Die ersten Tage zu Hause bestehen aus lauter solchen kleinen Beobachtungen. Wie leer die Straßen sind, wie wenige junge Menschen mir begegnen, während der Basar in Pune selbst um Mitternacht noch voller Leben war. Wie die Menschen mehr Abstand zueinander halten und mich beim Vorbeigehen kaum ansehen, während ich in Indien nach einem Jahr immer noch angesprochen wurde, sobald ich vor die Tür trat. Wie still es nachts ist, so still, dass ich die Stille selbst zu hören glaube. Wie viele Sterne nachts am Himmel stehen, mehr, als ich in einem ganzen Jahr in Indien gesehen habe, wo Staub und Lichtverschmutzung den Himmel meistens auf zwei oder drei Punkte reduzierten.

Um zu beschreiben, was das mit mir macht, fällt mir irgendwann ein Bild ein, das ich seither nicht mehr loswerde. Deutschland wirkt auf mich wie ein perfekt eingerichtetes IKEA-Zimmer. Die Farben sind aufeinander abgestimmt, gedeckt, zurückhaltend, das gilt für Straßen und Häuser genauso wie für die Kleidung der Menschen selbst. Es ist ordentlich, sauber, effizient, nahezu perfekt. Indien dagegen ist wie ein Kinderzimmer, bunt, chaotisch, mit einer Farbpalette, die keine Rücksicht auf Harmonie nimmt. Im IKEA-Zimmer hat jeder Gegenstand seinen vorgesehenen Platz. Lege ich etwas falsch hin, zerstört das sofort das Gesamtbild, das Zimmer verlangt Disziplin und ständige Selbstkontrolle. Im Kinderzimmer dagegen kann fast überall etwas liegen, ohne dass es weiter auffällt. Fehler haben selten große Konsequenzen, es sieht gelebter aus, nicht ausgestellt. Dafür brauche ich im IKEA-Zimmer nur Sekunden, um etwas wiederzufinden, ich greife einfach auf mein System zurück. Im Kinderzimmer suche ich länger, ein klares System gibt es dort selten. Beide Zimmer funktionieren. Nur eben ganz unterschiedlich, und keines davon ist das bessere.

Mit diesem Bild im Kopf begann ich, über etwas nachzudenken, das mich seit meiner Rückkehr nicht loslässt: Wer von uns beiden lebt eigentlich freier? Wir erzählen uns in Deutschland gerne, dass wir in einem besonders freien Land leben, und in vielem stimmt das. Aber unsere Freiheit stützt sich auf ein dichtes Netz aus Regeln, Gesetzen und ungeschriebenen Normen, das unser Zusammenleben reibungslos machen soll, und genau dadurch schränkt es uns auch ein. Es gibt bei uns ein starkes, verinnerlichtes Gefühl dafür, was sich gehört, verbunden mit der Erwartung, sich auch beim eigenen Vergnügen zu disziplinieren, bei Lautstärke, Pünktlichkeit, öffentlichem Verhalten. In Indien dagegen habe ich eine viel größere Nachsicht erlebt, eine viel stärkere Konfliktvermeidung. Am Ende ist es wohl ein Tausch: mehr Freiheit gegen mehr Aushalten-Müssen, oder umgekehrt, mehr Ruhe gegen weniger eigenen Spielraum. Auf Deutschland übersetzt hieße das: Ich darf mir die zweite Halbzeit der Champions League nachts im Garten anschauen, muss dafür aber akzeptieren, dass der Nachbar am nächsten Morgen um fünf seinen Rasen mäht.
Diese Freiheit vom Perfektionismus, die mich in Indien so oft fasziniert hat, hat allerdings auch Nachteile. Allein in der Region Pune sterben pro Einwohner etwa dreimal so viele Menschen im Straßenverkehr wie in Deutschland. Einmal hielt uns ein Polizist an einer Mautstraße einfach so um Geld an, ließ uns aber ziehen, sobald unser Fahrer erklärte, wir gehörten zu einer Hilfsorganisation. Willkür statt Regel, auch das gehört zu diesem Land. Dieselbe Korruption, die dafür sorgt, dass Straßen kaum ein Jahr halten, zieht sich eben durch fast alles, vom großen Bauauftrag bis zur kleinen Operation.
Und je länger ich hinschaue, desto mehr wird klar: Diese Nachsicht, dieses Laufenlassen, das ich so schätzen gelernt habe, ist nicht überall ein Segen. Frauen haben vielerorts spürbar weniger Freiheiten als Männer, Hierarchien nach Alter und Geschlecht bestimmen den Alltag oft stärker als die eigene Entscheidung, und ich habe Mädchen kennengelernt, die noch nicht volljährig waren und trotzdem schon verheiratet werden sollten. Auch die Pressefreiheit steht auf wackligen Beinen: Reporter ohne Grenzen bezeichnet sie als krisenhaft, vergleichbar mit Ländern wie Kambodscha und Pakistan, und christliche Organisationen wie Maher arbeiten unter wachsendem politischem Druck, seit es der Regierung leichter gemacht wurde, Hilfswerke zu enteignen. Auch die strengen Hierarchien, die den Alltag dort prägen und in denen Widerspruch gegenüber Älteren oder Vorgesetzten kaum vorgesehen ist, haben mir manchmal zu schaffen gemacht. Nachsicht und Freiheit im Kleinen schließen Härte und Willkür im Großen offenbar nicht aus.

Und doch, wenn ich jetzt hier sitze, mit sauberem Wasser aus jedem Hahn und Strom, der so gut wie nie ausfällt, frage ich mich, worüber wir uns eigentlich beschweren. Manchmal, so scheint es mir jedenfalls, wirkt die sogenannte deutsche Leitkultur eher wie eine Leidkultur. Der Zug hat neun Minuten Verspätung, und im Abteil entsteht sofort eine kleine Schicksalsgemeinschaft aus genervten Blicken und Kopfschütteln. Im Supermarkt ist nur eine Kasse geöffnet, obwohl sich dahinter schon zehn Menschen anstellen, und sofort beginnt das große Seufzen. Ich glaube, ich mag dieses gemeinsame Nörgeln sogar, es ist ja auch ein Eisbrecher, ein kleines Ritual der Zugehörigkeit, eine Art Leidensgemeinschaft, die zusammenschweißt. Als ich versucht habe, einem indischen Bekannten unsere typisch deutschen Probleme zu erklären - Falschparker, Funklöcher, Baustellen -, hat er mich nur verständnislos angeschaut. Er verstand die Aufregung schlicht nicht. Für ihn klang das, was ich als Problem beschrieb, nach einem Leben, das sich die meisten Menschen der Welt wünschen würden. Vielleicht sollten wir uns das öfter bewusst machen. Deutschland ist die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, wirtschaftlich größer als Indien, obwohl dort mehr als siebzehn Mal so viele Menschen leben. Wir gehören zu den sichersten Ländern weltweit, haben sauberes Wasser und genug zu essen.

Trotzdem können wir voneinander lernen. Wenn bei uns der Strom für fünf Minuten ausfällt, bricht eine kleine Weltkrise aus. Mein Vater hat sich extra eine Batterie zugelegt, damit wir im Notfall unsere Handys laden können. Ich musste lachen. Nach einem Jahr, in dem ich manchmal tagelang ohne fließendes Wasser oder verlässlichen Strom auskam, kann ich nur sagen: Es ist nicht annähernd so schlimm, wie wir immer meinen. Man gewöhnt sich an so ziemlich alles. Einmal fragten mich die Mädchen bei Maher, wie ich es eigentlich aushalte, ganz allein in einem Zimmer zu schlafen, ob ich denn keine Angst hätte. Sie selbst schlafen zu zwanzig oder dreißig auf dem Boden eines einzigen Raumes und können sich das Gegenteil kaum vorstellen. Ich hätte es umgekehrt genauso wenig ausgehalten, immer mit zwanzig Menschen in einem Raum zu schlafen. Die Kinder dort besaßen kaum etwas, das wirklich ihnen gehörte. Und trotzdem habe ich bei ihnen immer wieder eine Lebensfreude erlebt, die mich tief beeindruckt hat.

Wenn ich mir jetzt, ein paar Wochen nach der Landung, die Fotos aus Indien anschaue, wirken sie auf einmal fremd, fast wie aus einem anderen Leben. Der Staub, die Farben, das Chaos auf der Straße, all das, was ein Jahr lang mein ganz normaler Alltag war, sieht auf dem Bildschirm plötzlich aus wie eine andere Welt. Eine Welt, die sich für mich irgendwann wie Dahoam anfühlte.
Was am Ende bleibt, ist vor allem eines: Dankbarkeit. Für ein Jahr voller einmaliger Erfahrungen, für unzählige Begegnungen und für Freundschaften, die ich nicht mehr missen möchte. Der Abschied ist mir schwerer gefallen, als ich gedacht hätte. Die Kinder aus dem Center, ihr Lachen, ihre Fragen, ihr „Kilian Dada” morgens vor der Tür, das alles vermisse ich schon jetzt, genau wie das Land selbst, mit all seinem Chaos und all seiner Wärme. Ich bin dankbar für dieses Jahr, und ich bin dankbar, davon berichten zu dürfen, Ihnen, die mich zwölf Monate lang begleitet haben. Was bleibt, ist vor allem ein Perspektivwechsel, den ich nur verstehen konnte, indem ich ihn durchlebt habe: Menschen kennenzulernen, deren Leben sich von meinem in fast allem unterscheidet, und trotzdem zu merken, wie nah sie einem sein können. Wenn ein Kind ein paar Rupien geschenkt bekommt und es davon Süßigkeiten kauft, nur um sie sofort mit allen anderen zu teilen, dann steckt darin mehr, als ich in Worte fassen kann. Wenn Frauen, die Dinge von Männern erfahren mussten, für die es kaum Worte gibt, mich trotzdem jeden Morgen lächelnd begrüßen, dann bewundere ich das zutiefst, und ich weiß nicht, ob ich an ihrer Stelle dazu fähig wäre. Diese Menschen, diese Begegnungen, haben mich geprägt, für dieses Jahr und, glaube ich, für mein ganzes Leben.



